Ich werde in früher Morgenstund von Mama geweckt. Nicht vom Wecker? Strange! Da stimmt was nicht! Was ist jetzt passiert? Geht die Welt unter, oder was?
Dann kommt mir in den Sinn: Heute gehts ja ins Frankenland. Zu Bruder Bruder.
Mama und Papa begleiten mich mit dem Zug nach Genf, wo sie später noch Sarih und meine Pachus besuchen werden.
Vor der Check-In-Zone im Flughafen verabschiede ich mich von meinen Eltern und dann…

…bin ich auf mich alleine gestellt. So quasi “Lost on the airport”. Ein Hauch von Panik überkommt mich, ob all den “Horrorgeschichten” von wegen Genfer Flughafen sei kompliziert und so. Nichts da! Mit meinem Cellular und den Signalisierungen im Flughafen habe ich keine Probleme den richtigen Terminal zu finden.
Der Transfer vom Flughafen ins Flugzeug verläuft auch problemlos und ich setze mich auf meinen Platz im Flieger.

Nach einem kurzweiligen Flug mit einer hysterischen Mama, einem entschleunigenden Papa und zwei eher normalen Kindern, wird das Zeichen zum Abschnallen gegeben und jeder im Flieger will der Erste sein, der aussteigen darf. Sehr viele Leute erheben sich und warten einmal. Ich bleibe sitzen. Und die anderen warten. Und warten und warten. Ich bin nach wie vor gemütlich am Sitzen. Dann kommt irgendeine Durchsage auf Französisch. Ich verstehe kein Wort. Die Stehenden warten nach wie vor.
Langsam werden die Passagiere noch unruhiger als bisher. Ich bin immer noch gemütlich am Dösen und nehms gelassen. Mein Bruder Bruder wartet schon auf mich… Es folgen noch weitere Durchsagen und nach etwa 10 Minuten ungeduldig im Gang stehen, bewegen sich die ersten Passagiere beinahe schon panisch in Richtung Ausgang. Ich nehms nach wie vor chillig und warte bis die ersten Stürmisieche den Flieger verlassen haben und mache mich dann gemütlich auf den Weg, das Flugzeug zu verlassen.

Nach dem wandern über das Rollfeld erreiche ich das Flughafengebäude in Toulouse. Dort müssen wir, kein Witz, alle erneut durch eine Sicherheitsschleuse und erneute Passkontrolle! Wir mussten doch bereits in Genf durch Sicherheits- und Passkontrollen und so. Jetzt folgt in Toulouse erneut dasselbe Prozedere? Denken sich die Franzosen, wir könnten aus dem Nichts irgendwelche Waffen oder so herzaubern? Doppelte Kontrolle hält bekanntlich besser. Die spinnen die Franzosen, würde Obelix sagen, toktoktok!

Es läuft alles wie geschmiert und ich treffe direkt nach dem Check Out nach kurzer Zeit auf meinen Bruder Bruder.
Wie ein Engel erwartet er mich in seinem weissen Umhang. Einige innige Umarmungen später meint er:
“Duu… Etz stimmts de wi, gäu! Nemms chli chillig ond phaut no chli Liebi be Der. Chasch si de auefaus spööter no chli bruuche, wemmer gönd go bätte ond so… “

Ich bin richtig glücklich, meinen Bruder wohlauf anzutreffen. Zu sehen, dass es ihm gut geht.

Wir fahren in einer schrottigen Schrottkarre (und das ist noch heilig formuliert) durch Toulouse und kommen nach kurzer, holpriger Fahrt im Kloster an. Mein Blick fällt als Erstes auf die schöne Kirche, welche von einem riesigen Klostergarten verziert ist. Es erwartet mich also ein kleines Paradies auf Erden.

Ich richte mich in dem für mich vorgesehenen Palastzimmer ein und mein Bruder überprüft die Kleiderordnung:

Kleiderschrank

Kleiderschrank

Nach einem kurzen Power Nap am Nachmittag mampfen wir wie royale Könige in der internen Klosterküche. Ich werde durchs Band von der Gemeinschaftsfamilie verwöhnt.
Langsam aber sicher werde ich müde und ich bin froh, mich in mein Zimmer begeben zu können, eine kleine Dusche zu nehmen und anschliessend in einen glücklichen, ruhigen Schlaf zu fallen.

Neuer Tag, neues Glück. Ich verlasse meine Zelle, welche eine Fläche von geschätzten 50 m2 aufweist und begebe mich auf die Suche nach Bruder Andreas. Ist ja klar, dass ich ihn nicht finde. Kurzerhand begebe ich mich ins Refektorium um ein Standardzmorge zu mampfen. Um ca. 08:45 Uhr treffe ich dort ein und eine Schwester fragt mich auf französisch ob ich gerne Brot und Honig wolle oder Brot und Gumfi (ich nehme an, dass das Wort, welches sie mir sagt, ‘Gumfi’ auf Deutsch heisst).
Ich antworte mit meinem besten Französisch:
“J’aimerais des möckli”.
Sie schaut mich an als ob ich vom Mond käme…
Ich versuche es erneut, diesmal ein wenig unsicherer:
“Du cereal?”

Da hat sie es gecheckt und die Schwester fragt mich, nachdem ich meine Schale befüllt hab: “Tu ne veux pas plus?”
Ich: “No… Merci”.

Standardmorgenessen

Standardmorgenessen

Nach dem Zmorge treffe ich dann nach einem schönen Morgen mit viel Buchlesen und warmen Sonnenstrahlen meinen Bruder Andreas und besuche mit ihm die Heilige Messe vor dem Mittagessen.

Die Messe ist auf französisch… Ich verstehe nicht gerade sehr viel. Macht nichts. Andreas übersetzt mir simultan. Sensationell! Der Pater spricht irgendwas und mein Bruder übersetzt und muss ja während er mir übersetzt dem Pater zuhören und weiss nachher noch immer, was der Pater gesagt hat und übersetzt wieder ins Deutsche und hört gleichzeitig die Worte des Paters, etc., etc. Ich bin extrem fasziniert!
Wenn ich in einem Kloster wohnen darf, gehört es sich auch eine Paterfrisur zu haben. Der vietnamesische Mitbruder Pierre Marie de Jésus schert mir die Haare wunderbar:

Beim Friseur

Beim Friseur

Nach der Messe und anschliessend erneut extrem leckeren Mittagessen (wir wurden fürstlich mit diversen Pilz-, Gemüse-, und keine Ahnung was für eine weitere Kategorie-Ware verwöhnt) begebe ich mich wieder in den Park und lese das gestern begonnene Ebook fertig. Ist irgendwie ein bisschen ein Psychobuch über Vampire und andere blutsaugende Kreaturen. Eigentlich eher unpassend und nicht so wirklich religiös.

Paradiesgartenpanorama

Paradiesgartenpanorama

Gegen Abend begeben sich mein Brohbroh und ich noch auf eine schönen Wanderung durch Little Blagnac und klopfen nach unserer Rückkehr noch ein gemütliches Jässchen und ziehen uns anschliessend in unsere Zellen zurück.

Am nächsten Tag fühle ich das erste Mal so richtig Ferienstimmung. Ich schlafe bis 10:30 Uhr aus. Anschliessend gehe ich meiner neuen Lieblingsbeschäftigung nach. Ich verschiebe mich in den Garten, geniesse die Sonne und tue nichts.
Nach einer Stunde faulenzen besuchen Andreas und ich die heutige Heilige Messe. Nachher werden wir erneut wie Fürsten mit Esswaren verwöhnt. Ein riesen Buffet erwartet uns. Diesmal setzt sich eine liebe Neuseeländerin an meinen Tisch. Sie ist hübsch und nett und ich kann mich kaum sattsehen. Plötzlich meint Bruder Andreas zu mir: “Ça suffit maintenant! Tu as regardé assez de femmes! Muesch mampfe ned Fraue aaluege. Mer send doo imene Chlooschter“. Gleichzeitig zwinkert er mir schelmisch zu…
Ich schrecke aus meiner Trance auf, brenne mir ihr hübsches Lächeln in meine Iris ein und beende mein Mittagessen.
Am Nachmittag fröne ich wieder den Sonnenstrahlen und meiner Lektüre. Mein Bruder muss noch irgendwas erledigen.

Zum Abendessen sind wir dann beim Gründerehepaar des Ordens “Béatitudes” eingeladen. Gemeinsam mit Pater Jean-Uriel und Bruder Andreas begebe ich mich zu ihnen. Pater Jean-Uriel teilt mir mit, dass dies auch für ihn eine Premiere und eine grosse Ehre sei. Ich freue mich natürlich doppelt, bei so ehrenwürdigen Menschen zu Gast sein zu dürfen. Zwei Tage Toulouse und bereits auf dem gleichen Level, wie ein Pater welcher bereits seit Jahren in diesem Kloster lebt. Das muss mir mal einer nachmachen ;-).

Beim hohen Gastgeber eingetroffen, trete ich ein und nehme mein Cell hervor und beginne mir Notizen zu machen, um später all mein Erlebtes korrekt wiedergeben zu können. Das Gastehepaar schaut mich ein wenig verwundert an und mein Bruder Bruder löst auf und schildert mein “Problem”.

Es ist ja nicht schwierig, was Schweizer in Frankreich zu so einem Essen mitbringen… Natürlich ein urschweizer Gericht: Ein Käsefondue.

Pater Jean-Uriel zuständig fürs Fondue

Pater Jean-Uriel zuständig fürs Fondue kochen

Während dem Essen mache ich einen weiteren Schritt in Richtung Heiligkeit, denn der Gründervater Ephraim legt mir einige Weisheiten für meinen weiteren Lebensweg dar. Ich fühle mich mit neuem Lebenssinn ausgerüstet und mit neuer Energie ausgestattet. Ephraim wählt seine Worte so nachdenklich und stimmig, dass ich gar nicht auf die Idee komme, mir irgendwelche Gegenargumente auszudenken. Alles was dieser weise Mann sagt, ist stimmig, macht Sinn und hat aus mir einen neuen Menschen gemacht.

Glücklich, zufrieden und ein weiteres Mal mit vollem Wanst lege ich mich in meine Luxuskatakombe und schlafe einen göttlichen Schlaf.

Am Sonntag wird es erneut sehr sakral. Ich schlafe zwar am Morgen erneut lange aus und frage nach dem Aufstehen meinen Bruder:

“Heyyyy Tirtel! Gömmer höt nienet z’Mäss oder waa?”
Bruder Andreas:“Mer gönd höt of Lourdes. De chasch de dete d’Muetter Gottes abätte.”

Auf einer kurzweiligen Fahrt mit einer richtigen Schrottkarre fahren wir also nach Lourdes. Vor dem Mittagessen besuchen wir die heilige Messe in der Basilique Notre Dame du Rosaire.
Nach der Messe treffen wir dann auf einen deutschen Touri, der uns frägt:
“Exkiuse mii, where is the grotte?”
Andreas: “Quoi?”
Touri: “Whore iss se Grötte? “
Andreas: “Wös sagscht?”
Touri: “Ach soooo… Du sprichst Deutsch? Wo ist denn die Grotte?”

Dann erlöst ihn mein Bruder und weist ihm den richtigen Pfad.
Zvöu, die Germane…

Wir füllen vor dem Gröttenbesuch noch ein wenig heiliges Lourdes Wasser in grosse Behälter ab und gehen anschliessend in die Grotte. Dort verweilen wir einen Augenblick in Stille und Gebet.

Andreas erklärt mir, wo Bernadette vor 150 Jahren kniete, als ihr die Jungfrau Maria erschienen ist. Ein bewegender Moment. Ich bin sehr beeindruckt.

Am Abend dann entscheiden wir uns, in einem Meeresfrüchtelokal einen kleinen Happen essen zu gehen.
Wir schauen in die Menukarte und ich schlage Andreas vor: “Chom mer nämid verschedeni Menüs ond de chömmer e chli teile. De hemmer vo allem chli gha. Was meinsch?”

Also bestellen wir uns ein 3-, und ein 4-Gangmenu. Irgendwie zu dekadent, denke ich mir. Dann plaudern wir ein wenig miteinander und wundern uns, nach gefühlten 20 Minuten warten, wo denn unser Essen nun geblieben ist. Langsam werden wir ein bisschen unwirsch (schöns Wort).
Dann wird der erste Gang aufgetragen und wir wundern uns über die Dimension dieser Primi piatti. Was im Anschluss folgt, grenzt eigentlich schon fast ein bisschen an Völlerei:

Nach dem Essen wird der Schock kommen, denke ich mir. Ich fürchte mich vor der Rechnung. Mich trifft fast der Schlag… Ich nehm an der Grund ist naheliegend:

Rechnung 4-Gänger

Rechnung 4-Gänger

Nach dieser regelrechten Esskarpade fahren wir am späten Nachmittag zurück zum Heiligtum und nehmen dort an der Eucharistischen Prozession Teil.

Es hat sehr viele Leute:

Viele Leute

Viele Leute

Nach der Prozession chillen wir es noch ein wenig vor seGrött und verabschieden uns dann definitiv von der Mutter Gottes. Wir machen uns gegen 20:00 Uhr auf den Nachhauseweg.

Auf der Nachhausefahrt wollen wir uns noch was gönnen und besuchen einen McDrive um uns einen McFlurry zu gönnen. Wir warten hinter zwei Fahrzeugen. Dann schliessen wir auf und fragen den Typen an der Kasse, wie das hier abgeht.
Der denkt sich sicher: ‘Ohhhhh mein Gott… Jetzt kommt da irgend so ein Heiliger und hat keine Ahnung!’
Er brabelt irgendwas von wegen nochmals zurück fahren und neu bestellen und neu anstehen und so.
Mein Bruder teilt dem Typen mit: “Oue, oue, en revient. “
Er dreht das Fenster rauf und ich sage zu ihm: “Möchemer need.“
Er: “Hast recht. Wir finden sicher bald irgendwo eine Aire oder so…”

Wir fahren 20 km. Keine Aire. Nochmals 30 und dann endlich folgt da die lang ersehnte Aire. Wir kaufen uns etwas zu trinken und entscheiden uns zurück ins Kloster zu fahren und mampfen dort noch ein paar Möckli. Ist halt immer noch am Leckersten in vertrauter Umgebung. Da schmecken die Möckli doppelt fein. Anschliessend an unsere Verköstigung begeben wir uns ins Bett.

Ich schlafe nicht so gut. Wahrscheinlich wegen unseren kumulierten, dekadenten Exzessen der vergangenen Tage. Mit schwerem Magen mache ich mich ran, all mein Zeug für die Heimreise zu packen. Ich stelle fest: Meine Mama hat es seeeehr gut gemeint mit mir und an alle eventuelle Eventualitäten gedacht. Mit der Planungs- und Stopfhilfe meines Bruders und einem kleinen Stossgebet drücken wir dann auch den letzten Pulli in den Rucksack.

Wir begeben uns am späteren morgen mit einem schrottigen Lieferwagen in eine nahe Garage, wo Br. Andreas noch offene Rechnungen bezahlt. Ich wundere mich, dass dieser Laden überleben kann. Ich hab selten so einen riesen Saustall gesehen. Hier herrschen ähnliche Zustände, wie im Vietcong. Überall stehen rostige Fahrzeuge herum und es liegen haufenweise Ersatzteile rum. Neben ausgeschlachteten Fahrzeuge liegen Motoren und andere Ersatzteile rum.

Der Garagist kommt mit einem Dossier Papier und legt das Dossier vor uns aus. Er nimmt irgendeine Papierrechnung, gibt etwas in den Computer ein, murmelt was von:
“Deja payée, pas payée, payée, payée, pas payée”.
Wenigstens die digitale Ablage funktioniert…
Der Mann findet alle Belege und mein Bruder begleicht die offenen Beträge.

Wir fahren wieder zurück ins Kloster und ich geniesse ein vorläufig letztes Mal nochmals ein wenig die Sonne im Klostergarten. Es wird Mittag und damit, vorläufig zumindest, auch meine letzte heilige Messe im Frankenland.

Kurz vor dem Ende meiner schönen Reise nach Frankreich, entschliesse ich mich dazu seit langem wiedermal die Beichte abzulegen. Beichten? Das ist doch was für alte Grossmütter, die das ganze Leben Schokolade und Erdbeeren gemampft haben… Ich als sündenfreie, perfekte Person muss doch nichts Beichten?!?

Mein Bruder Andreas meint nur wissend zu mir: “Gang go Biichte… Ech glaube, das wörd Der guettue. Wersch gseh… Es macht us Der en neue Mönsch.”
Jojoooooo… Red Du nur, Bruder Bruder…
Und schon sitze ich im Büro von Pater Jean-Uriel und beginne zögerlich meine Beichte abzulegen…

…tränenüberströmt vor Erleichterung verlasse ich das Parlatorium und bedanke mich bei meinem Bruder Bruder dafür, dass er nicht locker gelassen hat, als ich dem Beichtgespräch mit irgendeiner Ausrede entfliehen wollte…

Um 14:15 verlasse ich das Kloster und mache mich erleichtert, glücklich und mit neuer physischer, wie auch spiritueller Energie, auf meinen Rückweg in die Schweiz…

 

Trip nach Frankreich

Ein Gedanke zu „Trip nach Frankreich

  • Montag, 2018-07-23 um
    Permalink

    Lieber Markus
    die “Grotten-Anekdote” ist ja so lustig.. wir haben uns krumm gelacht;-)

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