Zu Sechst treffen wir uns im Barfüesser in Luzern unter Hirnverletzten, um uns über Schönes und weniger Erfreuliches seit dem letzten Treffen im Oktober auszutauschen.

Die Diskussionen gehen von neuen Arbeitsmöglichkeiten, Problemen mit den verschiedenen sozialen Institutionen über zu langsame Arbeitstempi, über Zukunftsträume mit eigenen Kindern hin zu für nicht Betroffene nicht ersichtliche Hürden des Luzerner McDonalds-Restaurants für Rollstuhlfahrer.

Nach zweieinhalb Stunden angeregten Diskussionen muss ich meine Schicksalskollegen daran erinnern, dass wir bereits 30 Minuten überzogen haben. Niemand hat gemerkt, dass die Zeit so schnell vorüber gegangen ist. Es ist schön zu sehen, dass die Gespräche auf so viel Interesse stossen. Hocherfreut über diese Tatsache erkenne ich das Bedürfnis, sich öfters untereinander auszutauschen.

Nach dem Treffen begebe ich mich mit Sarah ins Tibiz. Dort führen wir weitere sehr tiefsinnige, spannende Gespräche über unser Erlebtes und unsere Zukunftsvisionen. Gleichzeitig bemerke ich, dass ich das viel öfters machen muss. Diskussionen mit Substanz führen. Nicht einfach so belangloses Zeug wie ich es unter anderem auf der Heimreise erleben musste.

Da waren vier Jugendliche, geschätzte 15 – 18 Jahre alt, welche auf der ganzen Zugfahrt von Luzern nach Eschenbach (und wahrscheinlich noch bis Lenzburg, weil sie vor lauter Suchten, vergessen haben auszusteigen) jeder auf seinem Handy herumgedrückt hat, um ab und zu aufzusehen und dem Nachbarn kurz mitzuteilen: “Jetzt hani 10 Millione i mini Bodetroppe inveschtiert. Cool, gäu?”
Sein “Kollege” schaut nicht mal von seinem Gerät auf und meint nur teilnahmslos: “Das hani scho vor 30 Minute gmacht! Be jetzt gad draa, 36 Milliarde i mini Schiffsflotte z’inveschtiere, wo nochhäär drüüfachi Experience Pönkt abwirft! Hed nor 25 Stotz koschtet, wells abegsetzt gsii esch. Mega cool, ned?”
Ich vernehme nur ein knappes, irgendwie ein bisschen eifersüchtiges Knurren vom Buben nebenan.
Der wird sich jetzt wahrscheinlich ein Paket für 50 Franken kaufen, damit er doppelt so viele Punkte vorweisen kann als sein “Kumpel”.

So etwas irritiert mich zutiefst und ich stelle mir selber die Frage: “Esch das zo üsere Ziit au scho so gsii?”
Definitiv nicht! Ich kann mich noch vage an einige Szenen in Oberwald erinnern, wo wir in der Pische waren und das Paradies genossen haben. Ab und zu sind auch mal Tränen geflossen. Tears in paradise. Dies nachdem wir einander nach dem friedlichen Aufbau einer Stauanlage in der Pische, wegen irgendeiner Belanglosigkeit die Köpfe eingeschlagen haben.

Oder als wir bei den Nachbarskindern in Eschenbach mit Pfeil und Bogen Indianerlis gespielt haben und die Pfeile halt manchmal auch mal einen Cowboy direkt getroffen haben und nicht, wie ursprünglich geplant, am Cowboy vorbeigeflogen sind. Dieser Cowboy hat dann halt auch mal eine Fleischwunde hinnehmen müssen.

Oder dann sind wir mit Ritterschwertern aufeinander losgegangen und haben von Zeit zu Zeit ein bisschen fester zugehauen:

Schwerten in Eschenbach

Schwerten in Eschenbach

Nachdem ich meinem Bruder mit dem Schwert beinahe das Auge rausgestochen habe, teilt er mir sachlich mit: “Etz wotti nömme Schwäärttte!” und geht ruhig und gelassen in unsere Wohnung hinein. Er war schon damals ein Engel und hat mir vergeben.

Wir haben halt unsere Leben gelebt und gelernt unsere eigenen Grenzen zu setzen. Wir mussten uns nicht in einer fiktiven, irrealen Welt aufhalten in der mit Unsummen irgendwelche wertlosen Erfolgspunkte gekauft werden mussten, um ein bisschen Ansehen zu erhalten. Auch haben unsere Eltern uns noch Leben lassen und haben erst eingegriffen, wenn die Situation kurz vor dem Super-GAU gestanden ist. Auch die kleinen Wunden, welche bei diesen Aktionen entstanden sind oder jemand sogar mal ein bisschen Blut oder einen Zahn verloren hat sind vergeben und vergessen.

Das hat dazugehört… Jajaaa… Das waren noch Zeiten damals…

Gölä würde sagen: “S’dönkt me sött wedermou so sii-hi-hi-hiiii”…

Wie Recht Goelae hat…

Fragile Zentralschweiz für Junge und Junggebliebene 201902

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